Warum gibt es so viele Orchester in Deutschland?

Das Land der dichter und Denke – und der Klassik. In Deutschland gibt es über 130 professionelle Orchester – mehr als in jedem anderen Land. In fünf Gebieten ist die Menge an Orchestern besonders groß: Berlin, München, das Rhein-Ruhr-Gebiet, das Rhein-Main-Gebiet, Thüringen und Sachsen. Doch woher kommt diese ungewöhnliche Dichte?

Die Tatsache, dass kein anderes Land einen solchen Orchesterreichtum aufbringen kann, erklärt die politische Geschichte Deutschlands. Die beindruckende Vielfalt der Orchester hat Ihren Ursprung im 18. biz zum 19. Jahrhundert, als Deutschland aufgrund komplizierte Kriegsausgänge auf unzählige Territorien aufgeteilt wurde. In ihren Mittelpunkten entstanden Hoftheater und Orchester, die rasch zu Institutionen der Bourgeoisie wurden. Die kulturellen Ambitionen der neuen Gesellschaftsschicht manifestierten sich in der staatlichen und städtischen Finanzierung von Musik.

Seit dem 19. Jahrhundert ermutigte der Aufstieg des bürgerlichen Konzertlebens die Orchester zu einem Repertoire-Kanon, der aus einer Mischung aus klassischer, romantischer und moderner Musik bestand, eine Formel, die bis heute anhält. Traditionelle sinfonische Musik (Beethoven,Brahms,Mahler und Schostakowitsch bildete) die Grundlage für das Musizieren. Musik der Neuzeit, also von Größen wie Schönberg, Ravel und Bartók, ) ist in Konzertprogrammen stärker verankert als die jüngere Musik von noch lebenden Komponisten. Die Vorliebe für Virtuosen bestimmt weitgehend das daraus resultierende Konzertrepertoire.

Außerdem nehmen Öffentliche Radiostationen einen einzigartigen Platz in der deutschen Orchesterlandschaft ein. Sie besitzen ganze 13 Orchester, am meisten hervorzuheben die großen Rundfunksinfonieorchester in Städten wie Berlin und Hamburg, aber auch mehrere kleinere Rundfunkorchester. Der ursprüngliche Plan war, sich auf zeitgenössische Musik für den Rundfunk zu konzentrieren – sogar in richtigen Konzertreihen. Aber diese Ensembles erlegen zunehmend dem Druck, mit großen internationalen Orchestern in Prestige zu konkurrieren. Ihre global vernetzten Chefdirigenten tragen jedoch dazu bei, diese Herausforderung zu meistern und verstärken durch Orchesterbesuche und Plattenverkäufe ihren künstlerisches Verdienst und ihren internationalen Bekanntheitsgrad. Es würde also nicht überraschen, wenn in den nächsten Jahren noch weitere Deutsche Orchester entstehen.